Kaiserpfalz meets Kapitalismus – wie Goslar am Profitinteresse scheitert

Ein Beitrag von Ian Nadge

Ach ja, die Geschichte kennt man ja: Ein „Investor“ taucht auf mit einem millionenschweren Bauprojekt, die Stadtverwaltung bläst vor Begeisterung ins Horn, und am Ende bleibt ein Scherbenhaufen aus leeren Versprechungen, architektonischem Größenwahn und natürlich zementierten Profitinteressen. Diesmal sollte es in Goslar ein Luxushotel werden – wohlgemerkt kein einfaches Hotel, sondern ein echtes Prunkstück – plus eine Veranstaltungshalle, natürlich direkt in Sichtweite der ehrwürdigen Kaiserpfalz. Denn was passt besser zusammen als kapitalistisches Renditestreben und jahrhundertealte Geschichte?

Nun zieht sich Investor Hans-Joachim Tessner zurück – offiziell, weil er „Gräben in der Bürgerschaft“ fürchtet. Wie nett! Tatsächlich wissen wir alle, dass diese Gräben nicht einfach aus Meinungsverschiedenheiten entstehen, sondern aus einem System, das Kultur, Architektur und Lebensräume gnadenlos zu Waren degradiert. Wenn sich dann auch noch Umwelt- und Heimatverbände über die Gestaltung eines Parkhauses beschweren, ist das nur das Sahnehäubchen auf dem kapitalistischen Kuchen – dahinter steht die viel grundlegendere Frage: Für wen baut man hier eigentlich?

Die geplanten Bauten? Völlig überdimensioniert, ein Denkmal des Größenwahns, dessen Kosten astronomisch waren. Die 17 Millionen Euro, die die Stadt hätte investieren sollen, sind natürlich keine „Investition“ im Sinne der Allgemeinheit. Vielmehr wäre es eine Privatisierung öffentlicher Gelder zugunsten eines kapitalistischen Geschäftsmodells gewesen – Geld, das an anderer Stelle viel dringender gebraucht wird: für bezahlbaren Wohnraum, Bildung oder echten Umweltschutz. Dass sich 54 % im Bürgerentscheid davon haben blenden lassen, zeigt vor allem, wie geschickt die Stadtspitze das Märchen von „wirtschaftlichen Impulsen“ verbreitet hat.

Und jetzt spricht die Oberbürgermeisterin von einem „großen Verlust“. Verlust für wen eigentlich? Für die, die sich einen Aufenthalt im Luxushotel sowieso nicht leisten können, aber dafür mit steigenden Mieten und einer Stadtentwicklung rechnen müssen, die sie verdrängt? Oder vielleicht doch eher für diejenigen, die aus einer UNESCO-Welterbe-Kulisse mal eben eine schnöde Geldmaschine machen wollten?

Goslar ist hier kein Einzelfall, sondern ein Miniaturbild der globalen kapitalistischen Stadtentwicklung: Kultur wird zur Kulisse degradiert, öffentliche Gelder wandern in private Taschen, und jede Kritik daran wird als „Fortschrittsfeindlichkeit“ abgestempelt. Dass das Projekt nun scheitert, ist kein Unglück – sondern ein seltener kleiner Sieg gegen die Verwertungslogik, die unsere Städte und unser Leben bestimmt.