Warum ich noch hier bin – oder: Flucht ist auch keine Lösung

Ein Beitrag von Ivan Neklidny

Neulich hat mich jemand gefragt, warum ich eigentlich immer noch in diesem Land bin. In diesem Deutschland, das sich politisch täglich ein kleines Stück weiter nach rechts außen dreht, als hätte es die letzten hundert Jahre einfach übersprungen. „Warum gehst du nicht einfach weg?“, hieß es. Tja – klingt erstmal nachvollziehbar. Wenn’s brennt, geht man raus. Fight-or-Flight, sagt die Biologie. Und Deutschland macht’s einem da ja wirklich nicht schwer: autoritärer Diskurs, rassistische Normalität, Repression mit Wohlfühl-Fassade. Die Flucht als gesunder Reflex? Klingt logisch.

Aber wohin bitte schön?

Der autoritäre Rollback ist schließlich kein rein deutsches Problem. Er ist internationaler Trend. In Frankreich steht Le Pen in den Startlöchern, in Italien regiert Meloni längst, in den USA klopft Trump erneut an die Tür. In Indien regiert ein Hindu-Nationalismus mit digitaler Perfektion, in Lateinamerika feiern neoliberale Autokraten Comebacks als Influencer, und auch in Südostasien sieht’s eher nach Militärparade als nach Menschenrechten aus. Weltweit wird hochgerüstet, überwacht, abgeschoben und ausgegrenzt – als hätte der Kapitalismus begriffen, dass seine letzte Überlebenschance im autoritären Korsett liegt.

Flucht ist keine Option, wenn das Problem global ist.

Und selbst wenn es irgendeinen Ort gäbe, an dem noch nicht alles den Bach runtergeht – wie sinnvoll ist es, einfach zu gehen, wenn hier die Kämpfe toben, die wir nicht verlieren dürfen? Fight-or-Flight, klar. Aber das besteht aus zwei Möglichkeiten. Warum also nicht kämpfen?

Bleiben heißt eben nicht kapitulieren

Es heißt: sich nicht vertreiben lassen.
Es heißt: Räume schaffen, in denen Solidarität statt Standortkonkurrenz zählt.
Es heißt: rechte Diskurse nicht unwidersprochen lassen, sondern laut dazwischenrufen.
Es heißt: sich organisieren – in Kollektiven, Nachbarschaften, Bewegungen.
Bleiben ist Widerstand

Denn wenn alle gehen, überlassen wir das Feld jenen, die am lautesten nach „Remigration“ brüllen, nach Law-and-Order, nach „Volk“ und „Identität“. Und dann? Dann stehen hier wirklich nur noch die, die Deutschland wieder „groß“ machen wollen – im schlimmsten Sinne des Wortes.

Ich bleibe also. Nicht aus Heimatliebe. Sondern weil ich diese Gesellschaft nicht freiwillig in die Hände der Reaktion geben will. Weil Flucht uns zu Zuschauer*innen machen würde – während hier das Spielfeld für die nächsten Jahrzehnte abgesteckt wird.

Wenn schon alles den Bach runtergeht, dann will ich wenigstens dabei gewesen sein, als wir versucht haben, das Ruder rumzureißen.

Mit Widerspruch, mit Wut, mit Hoffnung.

Autor: Ivan Neklidny